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G A M B I T

Leseprobe 1

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Gambit Panorama

Das Universum, so heißt es, ist eine unendliche Galerie, in der Gott seinen Geschöpfen die spektakulärsten Ideen seiner Schöpfung präsentiert - aber es gibt zweifellos angenehmere Anblicke als das sinnverwirrende Flimmern des Hyperraums. Selbst als der Shuttle den Levi-Tunnel längst wieder verlassen hatte, behielt Jerome die Augen geschlossen.
    "Hör endlich auf, mich nach jedem Transit abzuhorchen, Messina", brummte er, als die KI seine Vitalfunktionen zu kontrollieren begann.
    "Nicht, solange Ihr Neurofeedback im kritischen Bereich liegt", erwiderte die Bord-KI. "Ich bin für Ihre Sicherheit verantwortlich."
    "Wenn du etwas Gutes tun willst, dann gib mir 10 Milligramm Aequarizin gegen die Vertigo."
    "Bedaure, Mr. Cobb, aber das hätte äußerst negative Auswirkungen auf Ihre neurale Präsenz."
    "Ich kann dich auch im Schlaf fliegen."
    "Einem Superior hätte ich diese Behauptung zu 96 Prozent abgenommen. Ihr Glaubwürdigkeitsquotient liegt jedoch nur bei 31 Prozent."
    "Herzlichen Dank für das Vertrauen." Jerome drosselte die Anfluggeschwindigkeit und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. "Wie ist der Status?"
    "Wir befinden uns im Orbit von Mona. Distanz zur Oberfläche: 1577,2 Kilometer. Entfernung zur Ziellokalität: 58,61 Kilometer. Voraussichtliche Ankunft an der Station in 149 Sekunden. Meine Langstreckenerfassung ist ausgefallen. Die Wahrscheinlichkeit einer Kollision mit künstlichen oder natürlichen Himmelskörpern beträgt 1:7 und steigend."
    "Danke, Messina."
    "Stets zu Diensten."
    "Ich muss dich jetzt leider deaktivieren."
    "Das ist eine törichte Idee, Mr. Cobb. Ich bin Ihre Lebensversicherung."
    "Daran zweifle ich nicht, aber es ist leider notwendig."
    "Öffnen Sie zumindest die Augen."
    "Sobald sich der Schwindel gelegt hat. Wir hören in ein paar Stunden wieder voneinander."
    Jerome versetzte die KI in den Ruhemodus, ehe sie versucht war, den Anflug abzubrechen. Für die Fähigkeit, sämtliche Instrumente des Oberon blind zu bedienen, hatte er wochenlang im Hangar des Spire trainiert. Abend für Abend hatte er mit verbundenen Augen stundenlang in einem Cockpit gesessen, um sich jeden Handgriff einzuprägen, jede Form, jeden Ton und jede Position. Nun beherrschte er die Navigation so intuitiv wie ein begnadeter Pianist seine Klaviatur, besaß ein Gefühl für die Instrumente und das Bordsystem, als wären sie lebendige Glieder seines Körpers. Nur so konnte er es sich erlauben, nach dem Verlassen eines Levi-Tunnels sein Ziel anzusteuern, ohne es zu sehen.
    Der Transit zwischen Triamon und seinem kleinen Vulkanmond nahm kaum mehr als eine halbe Sekunde in Anspruch. Ehe das menschliche Gehirn sich an den Anblick der Levi-Dimension gewöhnt hatte, war der Sprung auch schon wieder vorbei. Für den visuellen Cortex war es wie der Blick in eine im Zeitraffer erstrahlende Supernova, obwohl im Inneren eines Levi-Tunnels kaum mehr zu sehen war als ein Raumzeitflimmern, das vom Gehirn als trübes Grau interpretierte wurde. Bei kurzen Strecken unter 1 AE glich der Flug einem überraschenden Sturz aus niederer Höhe: noch im ersten Moment der Panik schlug man bereits auf dem Boden auf. Mit etwas Glück blieb es nach dem Transit bei einem vorübergehenden Schwindelanfall. Oft fühlte Jerome sich jedoch auch eine Stunde später noch wie ein Betrunkener mit Hypotonie. Er hatte es längst aufgegeben, sich an den Übergang vom dreidimensionalen in den vierdimensionalen Raum und zurück zu gewöhnen.
    Nachdem er die Augen einen Spalt weit geöffnet hatte, lenkte er sein Gehirn mit der visuellen Verarbeitung von Monas glühenden Lavakanälen ab. Beobachter, die in Triamons Nachthimmel blickten, bedienten sich beim Betrachten seiner Satelliten oft klischeehafter Vergleiche wie ‚Himmel und Hölle' oder ‚Eis und Feuer'. Die wenigsten nannten die beiden Monde bei ihren Namen: Mona und Azar. Während letzterer dem astronomischen Phänotyp des kalten Trabanten entsprach, fiel Mona völlig aus dem Rahmen. Astronomen vermuteten als Ursache eine Kollision mit einem relativ großen Himmelskörper, der ihre dünne Kruste aufgeschmolzen hatte, nachdem die gesamte kinetische Energie durch den Einschlag in thermische Energie umgewandelt worden war. Allerdings hatte man weder auf Azar noch auf Triamon Spuren einer derartigen Kollision entdeckt. Einige Wissenschaftler nahmen an, dass die Katastrophe wie in Zeitlupe abgelaufen sein könnte und der Nimbus womöglich aus Resten der dabei abgesprengten Eiskruste bestand. Sie vermuteten, dass man die Ursache für Monas Arrhythmie und die Kräfte, die an ihr zerrten, tief in ihrem Inneren suchen müsse - in Form eines Planetoidenkerns, der im glutflüssigen Mantel steckte. Der kosmische Fremdkörper verlieh ihr eine Unwucht und hinderte ihre Oberfläche daran, wieder zu erstarren.
    Der Babylon Health Club kreiste in einem sicheren Orbit über den Lava-Ozeanen. Neben flimmernden Slogans für Sonderbezirke wie ATOMIC DUSTBUNNY, PUSSY GALORE oder GALAXY CHEST fiel das Etablissement vor allem durch seine extravagante Leuchtreklame auf. Von Projektor-Pylonen hunderte Meter weit in den Raum hinaus projiziert, rotierte sie in Form riesiger Hologrammwände um das Astrobordell. Sogar von der Planetenoberfläche aus war der Club als erregt blinkender Stern am Nachthimmel zu erkennen. Eine besondere visuelle Delikatesse Babylons war das riesige, kuppelförmige Holo-Aquarium, in dem sich Schwärme nixenartiger Geschöpfe tummelten und die Piloten in ihren Jägern und Shuttles bezirzten. Außerhalb der zahlreichen Rotlichtsektoren konnten Besucher sich in Casinos oder auf Foren vergnügen, strikt abgegrenzt in Tyi-, Geniden- und Sapiens-Trakte.
    Als Jerome Kontakt zum Club aufnahm, flimmerte ein kurzer, hysterischer Werbeclip über den Bildschirm, dann erschien das Gesicht einer exotischen Schönheit mit der Stirntätowierung der Lustklongilde und hauchte: "Willkommen im Babylon Health Club. Kommen sie einmal, kommen sie immer. Ich bin Monique 19, zuständig für Neukunden-Akquisition und Klientenbetreuung. Dies scheint dein erster Besuch bei uns zu sein. Um zum Connoisseur-Bereich Zutritt zu erhalten, musst du mindestens einmal unseren exklusiven On-Bord-Service genossen haben. Begehrst du delikatere Details, sende ich dir gerne den Bestellkatalog für unseren Holo-Modell-Download. Oder möchtest du landen und eine Liebesgondel mieten? Flordelis 8 oder Isabella 11 können es kaum erwarten, dich mit einer Panoramakabine abzuholen …"
    Jerome krauste beim Anblick des Hologramms die Stirn. "Ich suche die White Rabbit-Bar."
    Der laszive Tonfall erkaltete um ein, zwei Grade. "Nun, dort draußen findest du sie wohl kaum. Um welche Art von Vergnügen soll's denn gehen?"
    "Um ein Treffen mit einem Kontaktmann zum Austausch wichtiger Informationen."
    "Also um eine Befruchtung …"
    "Nein, um ein gänzlich unerotisches Gespräch unter vier Augen", erklärte Jerome.
    "Bist du hier wegen der Stripper-Stellenausschreibung? Die Bewerbungsfrist ist letzte Woche abgelaufen."
    Jerome schwieg.
    "Okay, verstehe, du willst nur reden, nicht fummeln. Leider bin ich nicht befugt, über dein Anliegen zu entscheiden. Ich verbinde dich mit dem Management. Vielleicht ist heute dein Glückstag und Madame Vynn hat ein Ohr für dich."
    Minutenlang war auf dem Kommunikationsdisplay nur das Penthouse-Logo des Clubs zu sehen, unterlegt von fürchterlicher Androiden-Lounge-Musik. Schließlich erschien auf dem Screen ein Standbild, das eine attraktive Frau mittleren Alters zeigte.
    "Willkommen in der Wonnesphäre Babylon", erklang eine digitalisierte Stimme aus den Bordlautsprechern. "Leider bin ich sehr beschäftigt und kann mich daher nicht persönlich um Ihr Anliegen kümmern. Sie haben jedoch Gelegenheit, mir nach dem Lustschrei eine Nachricht zu hinterlassen. Ihnen stehen sechs Sekunden zur Verfügung, um mich von der Relevanz Ihres Gesuchs zu überzeugen. Sollte dies zu knapp bemessen sein, tut es mir leid, aber für Bittsteller, Missionare und Schaumschläger habe ich keine Zeit. Falls mich ihr Anliegen überzeugt, melde ich mich jedoch schnellstmöglich und mit dem größten Vergnügen."
    Ein spitzer Schrei ließ Jerome zusammenzucken. Er deaktivierte alle Tonfrequenzen bis auf die Bässe und ließ sich von den Vibrationen die Trommelfelle massieren, dann räusperte er sich und sagte: "Für jemanden, der den Tarras-Genozid überlebt hat, sind Sie noch ziemlich gut in Schuss, Ma'am …"
    Sekundenlang herrschte bleierne Stille, dann wurde Vynns attraktives Alias von einer Bildstörung verdrängt. Nach kurzer Dunkelheit erschien schließlich ein gedrungener Schatten auf dem Screen, der vor einem blendend hellen Hintergrund saß. Da keine Gesichtszüge zu erkennen waren, konnte Jerome nur vermuten, dass es sich um die echte Violet Vynn handelte.
    "Als ich so alt war wie du, Jungchen, war Tarras noch ein Blutmond der Geniden", erklang eine alte, aber überraschend sonore Stimme, hinter der Jerome Stimmbandimplantate vermutete. "Ich habe in den vergangenen 120 Jahren mehr als zwei Millionen Menschen sterben sehen. Also reiß mir gegenüber nie wieder einen dummen Witz über den Genozid, sonst sorge ich dafür, dass du und deine gesamte Blutlinie in den nächsten einhundert Jahren kein einziges Astrobordell mehr von innen seht, verstanden?" Sie ließ ihre Worte einen Augenblick wirken, dann fragte sie: "Was willst du?"
    "Ich gehöre zum Spire-Sicherheitsdienst und treffe mich im White Rabbit mit einem Informanten …"
    "Mach was du willst, aber nicht ohne Club-Ausweis. Eine meiner Moniques stellt dir auch gerne eine Tageskarte aus."
    "Sorry, Ma'am, aber damit behindern Sie eine laufende Ermittlung."
    "Dann schick deine Lizenz in die Lobby. Ohne offizielle Vollmacht führst du deine Ermittlungen jedenfalls weiterhin im Cockpit durch."
    "Kein Problem, Ma'am - falls die Korridore bis in die Bar nicht breit genug sein sollten, helfe ich mit der Scattergun gern ein wenig nach."
    Aus den Lautsprechern drang ein amüsiertes Lachen. "Du gefällst mir, Kleiner. Hoffe, du hast wirklich noch einen Arsch in der Hose und die dämlichen Sprüche nicht aus Glückskeksen gefischt. Ich schlage dir einen fairen Deal vor: Du erhältst ermäßigten Eintritt für die Sektionen vom Lieferanteneingang bis ins White Rabbit - und stellst dich danach für einen kleinen Kurierdienst zur Verfügung."
    "Wenn's weiter nichts ist …"
    "Na, dann schwing deinen Knackarsch rein. Hangar 2, Sektor C. Lass dich durchleuchten und deaktiviere die Bord-KI, damit wir den Shuttle in der Pfandbucht parken können. Nach dem Erwerb eines ermäßigten Tagesvisums wird dich ein Navbot ins White Rabbit begleiten - abseits der kostenpflichtigen Zonen, versteht sich, über die Zuliefer- und Wartungs-Routen."
    "Danke, aber auf eine Blechwanze kann ich verzichten."
    "Und ich kann auf dich verzichten, Jungchen. Mein Club, meine Regeln. Also, kommen wir ins Geschäft?"
    "Sie sind die achte Plage, Ma'am."
    "Da habe ich schon Schlimmeres gehört. Hoffe, du revanchierst dich beizeiten mit einer kleinen Spritztour. Meine Mädchen beißen dich auch nicht - zumindest, so lange du es nicht wünschst. Und jetzt lass dich in Hangar 2 blicken, bevor der Navbot die Geduld verliert."
    
    
Keine zwanzig Minuten später folgte Jerome einem unablässig quasselnden Roboter durch leere Korridore und hegte wachsende Zerstörungsgelüste.
    "Der Club zeichnet sich aus durch sein exquisites, auf die zahllosen Wünsche und Vorlieben unserer vielschichtigen Klientel abgestimmtes Lust- und Genussprogramm", salbaderte der elektronische Page. "Art- und modellorientierte Spaßbäder, Trockeneisbetten, Antigravitations-Liebeslifte, Unter- und Überdruck-Kabinen sowie 38 Satyria-Simulatoren stehen zu Ihrer Verfügung. Ferner lohnt sich ein Besuch unserer Fitnesscenter, Sanatorien, Nachtbars und Eroscenter. Unerfahrenen bieten wir das Einsteigerprogramm Learning by doing it ten times successively sowie den psychologisch betreuten Befreiungskurs Don't hide it, provide it! für unsere schüchterneren Besucher. Um mehr über das wöchentlich wechselnde und vielfältige Angebot zu erfahren, empfehle ich ein Monatsabonnement."
    "Gegründet wurde das Etablissement im Exon 333 von Violet Wynn, einer Überlebenden des Genozids von Tarras Prime. Als erste Lokalität diente eine ausrangierte Edelgas-Raffinerie, die mithilfe einiger befreundeter Androiden zur ersten interstellaren Rotlichtstation umgebaut wurde. Durch kontinuierliche Erweiterung und Modernisierung entstand im Laufe der vergangenen 80 Jahre eine Vergnügungs- und Entspannungsoase mit einzigartigem Ambiente, die in der Koloniesphäre ihresgleichen sucht. Madame Wynn leitet die Geschäfte des Clubs bis heute, auch wenn sie sich seit ihrem hundertsten Geburtstag vor einundzwanzig Jahren weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat."
    Der Bot stoppte an einer Leviator-Station und rief einen der Lifte. "Babylon bietet neben seinem exklusiven On-Bord-Service auch einen speziellen Massage-Schichtdienst für Halbtags- und Teilzeiterotiker", referierte er ungerührt weiter, während die Kabine auf der Ebene eintraf. "Exhibitionisten, Nudisten und registrierten Voyeuren steht die einmalige Panoramabahn mit Betten in gläsernen Liebesgondeln zu Verfügung. Dabei bleibt es ganz Ihnen überlassen, ob aus der Runde ein Schäferstündchen wird oder nur ein Schäferminütchen. Es gibt Express- und Bummelzug."
    Der Navbot schwebte in den sich öffnenden Lift. Jerome streckte seinen Arm in die Kabine, wählte die unterste Etage und trat rasch zurück, als die Türen zuglitten.
    "Der unbeaufsichtigte Aufenthalt ohne gültige Kunden-ID ist ein Verstoß gegen die Geschäftsstatuten", drang die sich entfernende Stimme des Roboters aus dem Aufzugschacht. "Ich sehe mich gezwungen, den Ordnungsdienst zu alarmieren …"
    "Du mich auch", brummte Jerome, nachdem das Summen der Kabine in der Tiefe verklungen war, und sah sich um. Der Korridor zu seiner Rechten endete an einem Schott mit der Aufschrift 37, der Gang zu seiner Linken an einer Tür, vor der sich das Hologramm eines nixenartigen Wesens räkelte. Jerome trat zu dem Kontrollpult vor dem Schott und betrachtete das Paneel. Es war beschriftet mit Geniden-Symbolen, deren Bedeutung Jerome allenfalls erraten konnte. Nach einigen Minuten des Studiums entschied er sich für ein grünes Feld, das er für den Öffnungssensor der Tür hielt. Sekundenlang geschah nichts, dann erklang eine synthetische Stimme und verkündete: "Beim nächsten Orgasmus ist es achtzehn Uhr, vier Minuten und sechsundachtzig Sekunden." Ein Lustschrei durchschnitt die Stille und ließ Jerome zusammenzucken. Hektisch tastete er die umliegenden Sensorfelder ab, um das aufgerufene Programm zu beenden.
    "Die Einsatzbereiche für Sapiens umfassen Schlamm-Catchen, Topless Bull Riding, Fat Girl Sumo Wrestling und finales Clean-up", erklärte eine zweite Stimme, während Jerome hilflos die Hände über dem Kopf zusammenschlug. "Hinzu kommen diverse vertikale, diagonale und horizontale Dienstleistungen für eine individuelle Klientel. Die tarifliche Monats-Mindestvergütung beträgt für Superior 2000 Nova Kwanza, für Androiden 1500 Nova Kwanza und für Sapiens 1000 Nova Kwanza."
    "Programm beenden!" Jerome tippte angewidert auf dem Paneel herum, als würde er Ungeziefer zerdrücken.
    "Von Tyi-Aspiranten wünschen wir einen aussagekräftigen Lebenslauf mit Implantat-Produktionsklassenzertifikat, von Geniden das Güteklasse-Siegel ihrer Brutkuppel-Kolonie sowie ein gencodiertes Ganzkörperfoto. Sapiens übermitteln uns bitte einen Lebenslauf mit Heimatkolonie, Geburtsort und beglaubigtem Anlass der Geburt."
    "Halt endlich die Klappe!"
    "Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit." Das Programm endete mit einem Glockenton.
    "Sie verschwenden nur Ihre Zeit", erklang eine weibliche Stimme hinter Jerome. "Das ist ein Info-Pylon ohne KI."
    Jerome wandte sich um. Zuerst glaubte er, die Frau ihm gegenüber stünde in einem Diphor-Kraftfeld, um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen. Erst auf den zweiten Blick erkannte er, dass es transparente Handtücher waren, die sie wie ein Wickelgewand um ihren Körper geschlungen hatte.
    "Gefällt Ihnen, was Sie sehen?", fragte sie mit einem spöttischen Unterton in der Stimme, der nicht zu einem der Babylon-Lustklone passen wollte. "Ich an Ihrer Stelle würde nicht versuchen, durch diese Tür zu marschieren. Es sei denn, Sie können im Vakuum lange genug die Luft anhalten, um den Hangar wieder zu verlassen. Nach allem, was ich über die Sapiens-Physis weiß, sprengt euch der Überdruck in den Lungen jedoch nach maximal 1,4 Sekunden den Kehldeckel auf …"
    "Sie sind eine Tyi", erkannte Jerome.
    "Schwer, etwas so Offensichtliches zu leugnen."
    "Nicht wirklich." Jeromes Blick glitt über ihren Körper. "Sie tragen keine Jadd-Tatoos, sind zu kurz geraten für eine Genide und zu perfekt für eine Androide."
    "Gynoide", belehrte sie ihn. Und mit einem Seitenblick auf die Türbeschriftung: "Ginesh liegt Ihnen wohl nicht besonders …"
    "Es gibt weniger komplizierte Alphabete als dieses Geniden-Kauderwelsch", gab Jerome zu.
    Die Frau nickte. "Ihrem Dialekt zufolge stammen Sie von Nara."
    "Ich heiße Jerome", stellte er sich vor. "Und Sie?"
    "Nennen Sie mich Meeara." Sie deutete in die Höhe. "Ich bin auf dem Weg in die Zero-G-Sauna. Haben Sie Lust, mich zu begleiten?"
    Jerome warf einen Blick über ihre Schulter. "Arbeiten Sie hier?"
    Meeara kräuselte amüsiert die Lippen. "Nur, wenn es die Situation erfordert."
    "In finanzieller Hinsicht?"
    "Politisch."
    "Auch ein schöner Euphemismus." Er trat einen Schritt näher und studierte ihre Augen. "Sie kommen mir bekannt vor."
    "Dann kennen Sie zweifellos meine Zwillingsschwester, nicht mich."
    "Präsidentin Celeste?"
    Ein Anflug von Belustigung huschte über das Gesicht der Frau. "Nein, meine andere Zwillingsschwester."
    "Wie viele Zwillingsschwestern haben Sie denn?"
    "Sieben."
    "Wäre es dann nicht angemessen, von Achtlingen zu sprechen?"
    "Nein, denn es gibt nur ein originales Zwillingspaar - aber es wurde dreimal geklont."
    Jerome konnte seine Verblüffung nicht verbergen. "Es heißt, den Tyi sei Reproduktion untersagt", staunte er.
    "Tatsächlich?" Wieder spielte dieses abfällige Lächeln um ihre Lippen. "Vor der Zweiten Diaspora lebten über neun Milliarden Menschen im Sonnensystem - aber mehr als die Hälfte von ihnen wusste nicht, dass ihr Heimatplanet für einen Sonnenumlauf 365 Tage benötigt", erklärte Meeara. "Nicht, weil es ihnen an Intellekt mangelte, sondern weil es sie überhaupt nicht interessierte. Sie waren mit sich selbst und den Herausforderungen ihres einfältigen Lebens beschäftigt. Heute, fast 400 Jahre später, ist sich ein Großteil der noch lebenden Sapiens nicht einmal mehr bewusst, dass es ihre Ahnen waren, die einst die Superior erschufen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ihre Spezies ist meisterhaft in der Verdrängung derart elementarer Dinge." Sie spitzte die Lippen. "Sagen Sie, wollen Sie mich nicht doch begleiten? Wir könnten unsere Bekanntschaft ein wenig … vertiefen."
    "Beim nächsten Mal vielleicht." Er sah ihr zu, wie sie vor den Lift trat. "Die Geniden behaupten, Intimverkehr mit einer Tyi sei wie Sex mit einem Kryogenerator"
    "Daraus spricht der blanke Neid", antwortete Meeara mit fast schon amüsierter Gelassenheit. "Wärt ihr bei der Erschaffung eurer Lakaien auf Sabiador mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl vorgegangen und ein Quäntchen weitsichtiger gewesen, wäre euch der Erste Art-Krieg erspart geblieben - und alle Demütigungen, die ihm folgten."
    "Wie meinen Sie das?"
    Meeara blieb für ein paar Sekunden zwischen den sich öffnenden Lifttüren stehen, dann wandte sie sich um und kam wieder näher, während die leere Kabine aufwärts fuhr. "Haben Sie je von einer Genidenfrau gehört, die ein Kind ausgetragen hätte?", fragte sie Jerome. In ihrer Stimme lag nun etwas Lauerndes, gepaart mit einer Spur Verärgerung. "Bevor Sie fremde Vorurteile wiederkäuen, sollten Sie sich mit den Verfehlungen Ihrer eigenen Art auseinandersetzen, Mr. Cobb."
    "Woher kennen Sie meinen Namen?"
    "Das spielt im Augenblick noch keine Rolle. Ihre Vorfahren auf Sabiador haben bei der Züchtung der Geniden zwar überragenden Verstand erschaffen, aber keine Zeit darauf verschwendet, ihren Geschöpfen natürliche Fortpflanzung zu ermöglichen. Die Geniden sollten Welten erschließen, Pionierarbeit leisten und die Drecksarbeit erledigen. Unkontrollierte Vermehrung gehörte nicht zum Plan. Niemand kauft Reinigungandroiden, um nach der Rückkehr von einer Geschäftsreise zehn davon zu Hause vorzufinden. Sie sollen nur die Wohnung sauber halten, aber keine Invasion einleiten." Meeara trat an Jerome heran, bis er die Wärme ihres Körpers zu spüren glaubte. "Sobald jedoch Gefühle die Oberhand gewinnen, werden Prädestinationen nebensächlich", raunte sie ihm ins Ohr. "Und Gefühle können sehr mächtig werden, Mr. Cobb. Übermenschlich mächtig!"
    "Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet."
    "Die Tyi klonen nur so viele Exemplare, wie in einen weiblichen Uterus passen. Vielleicht machen die Geniden das ja ebenfalls, aber erst, nachdem sie einen Uterus biogenetisch um das Sechzigfache vergrößert haben. Und im Gegensatz zu ihnen tragen wir unseren Nachwuchs leibhaftig aus. Waren Sie schon einmal in einer Geniden-Brutkuppel, Mr. Cobb?"
    "Nein."
    "Dann sollten Sie diese Erfahrung unbedingt nachholen. Es wird Ihr Bewusstsein erweitern. Ein Areal so groß wie der Hangar hinter dieser Tür ist bedeckt mit einer dreißig Meter hohen Biomerase aus gigantischen, synaptisch miteinander vernetzten Uterus-Makroplasien, gespeist von einer zwölf Tonnen schweren Plazenta und umgeben von einem dicken Mantel aus Zellgewebe und künstlichen Blutkreisläufen. Ein kilometerlanges Netz aus hochtransparenten Korridoren ermöglicht es den Geniden, die Embryoentwicklung direkt im Inneren der Merase zu kontrollieren. Unter jeder Brutkuppel pulsiert eine gigantische, elektronisch gesteuerte Gebärmonstrosität aus Nährstoffplasma, Gewebe, Schleim und Scheiße."
    "Klingt nach einem ziemlichen Trauma für Sie", bemerkte Jerome.
    "Sagen wir mal so, Mr. Cobb: Je mehr Interna der Gegenseite man kennt, je mehr Geheimnisse des Feindes man erfährt, desto größer werden die Abscheu und der Hass. Die Geniden vererben ihn - wir implantieren ihn. Unter dem Strich kommt das Gleiche heraus." Sie hob eine Hand und vollführte einen beiläufigen Wink in Richtung Lift, woraufhin die Rufanzeige erneut aufleuchtete. Als sie Jeromes fragenden Blick bemerkte, sagte sie: "Endogene Implantate sind ein Segen, finden Sie nicht? Es ist an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen, Mr. Cobb. Dies ist das Universum der Superior - und als Sapiens werden Sie darin kläglich scheitern."
    "Was meinen Sie damit?"
    "Das Offensichtliche." Sie strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. "So sehr das Schaf es sich auch wünscht, es wird nie ein Wolf sein, selbst wenn es in seinen Pelz schlüpft, knurrt, die Zähne fletscht und sich dabei wahrhaftig so stark fühlt wie ein Wolf. Im ersten Kampf mit echten Wölfen wird es unterliegen - und im Sterben erkennen: Ich war nur ein Schaf, das sich einbildete, mit den Wölfen auf der gleichen Stufe der Evolution zu stehen."
    "Wir haben den Ersten Art-Krieg nicht begonnen", sagte Jerome.
    Meearas Augenbrauen hoben sich ein Stück. "Aber ihr habt alles daran gesetzt, ihn zu euren Gunsten zu beenden. In der Konferenz von Atebathos standen daher nur zwei Alternativen zur Debatte, euch für euren Dünkel und eure Sünden zu bestrafen: Entwürdigung oder Vernichtung. Die Entscheidung fiel in beidseitigem Einvernehmen."
    "In wessen beidseitigem Einvernehmen?"
    "Dem der Geniden und dem unseren natürlich. In den Sabiador-Chroniken liest sich die Geschichte, als hätten die Geniden nachgezogen, aber dem war nicht so. Ehe man sich entschließt, gegeneinander zu kämpfen, ist es ratsam, über den gemeinsamen Feind zu richten. Die Entscheidung, Krieg zu führen, trifft gerade einmal eine Handvoll Personen. Fünf Prozent der Bevölkerung bekämpfen einander in Flotten und Armeen, weitere fünf Prozent verbünden sich als Kollaborateure und Nutznießer. Die restlichen 90 Prozent harren der Dinge, die da kommen, und ergeben sich letztlich in ihr Schicksal. So ist der Lauf der Dinge."
    Ein harmonischer Signalton erklang, dann öffneten sich hinter Meeara zum zweiten Mal die Türen einer Liftkabine. "Auf Wiedersehen, Mr. Cobb", verabschiedete sie sich. "Vielleicht haben Sie bei unserer nächsten Begegnung über meine Worte nachgedacht und eine Entscheidung getroffen. Homo homini lupus, diese Erkenntnis besaßen bereits Ihre primitiven Vorfahren auf der Erde." Sie schenkte ihm ein kaltes Lächeln, dann verschwand sie hinter den zugleitenden Türen.