Fantastik, nicht Fantasy

Fünf Autoren lesen und diskutieren über ihr Literaturgenre

Von Nina Blazon



Vor ihm liegt die Leiche eines Jugendlichen, um ihn herum tanzt die Polizei ihr "Spurensicherungsballett". Es ist der 3. April 2000, und Rüdiger Kramer, Oberleutnant der Volkspolizei, sieht sich am Tatort nicht nur mit dem weinenden Hausmeister konfrontiert, sondern muss sich auch mit der Stasi auseinander setzen. In Marcus Hammerschmitts Alternativwelt-Thriller "Polyplay" schluckte die DDR die BRD und übernahm die wirtschaftliche und politische Führung in Europa.

Gleich fünf deutsche Autoren wollten bei der Lesung "Alternativen zum Jetzt" im Literaturhaus eine "Lanze brechen" für das Genre der Fantastik und sich dabei der Frage stellen: Gibt es einen Graben zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur? Begegnen sich die beiden Literaturen bereits, oder werden sich die Parallelen erst in der Unendlichkeit schneiden? Wer bisher dachte, dass es sich bei Büchern, die unter dem Oberbegriff Fantastik zusammengefasst werden, nur um Fastfood-Schreibe über Raumschiffe, Aliens, Elfen und Trolle handle, wurde im Stuttgarter Literaturhaus eines Besseren belehrt, wenn nicht sogar bekehrt.

"Flugverbot" heißt der Roman, den Barbara Slawig vorstellte. Geschickt verknüpft die Berliner Autorin Elemente der Science-Fiction mit denen des Kriminalromans. Ein Kommissar will hier herausfinden, was eine Computerspezialistin damit zu hat, dass in einer Kuppelstadt auf dem Planeten Jargus die Computer verrückt spielen und damit die Erforschung der lebenden Steine gefährden.


Ein Treffen im Atlantikum



In der Gegenwart spielt dagegen der Roman "Der silberne Sinn" des Autors Ralf Isau, der unter anderem mit dem Fantasy-Vierteiler "Im Kreis der Dämmerung" bekannt wurde. Mit ausgefeilter Sprache, tückischem Witz, feiner Ironie und scharfen Beobachtungen nahm Isau seine Zuhörer gefangen und führte sie zu der Anthropologin Yeremi Bellman und zu Saraf Argyr, einem empathischen Telepathen, der die Gefühle von Menschen erkennen und manipulieren kann. Yeremi will herausfinden, ob die Todesfälle in Argyrs Stamm mit einem Labor zu tun haben, in dem genmanipulierte Krankheitserreger gezüchtet werden.

Ralf Isau hält sich, wie erwähnt, ans Hier und Jetzt, Michael Marrak dagegen katapultiert seinen Helden in "Imagon" in die Vergangenheit, nach Grönland in die Wärmeperiode nach der letzten Eiszeit, ins "Atlantikum", wo der Zeitreisende eine grüne Frau trifft - nein, kein Alien, die Haut ist eingefärbt mit prähistorischer Insektenschutzcreme. Sensibel beschreibt Marrak die Begegnung von Neuzeitmensch und Paläo-Eskimomädchen.

Zum Abschluss ging der Altmeister Andreas Eschbach dann zu den Wurzeln zurück, schlug seinen 1995 erschienenen Erfolgsroman "Die Haarteppichknüpfer" auf und schilderte einen tragischen Tag im Leben des alten Ostvan, dessen Sohn sich gegen die Traditionen auflehnt und dafür mit dem Leben bezahlt. Vielen Lesern ist Eschbach, der zu den erfolgreichsten deutschen Fantastik-Autoren zählt, durch seinen auch verfilmten Roman "Das Jesus Video" ein Begriff. Seine Bücher sind in mehreren Sprachen erschienen. Inzwischen ist - für einen deutschen Autor ein Meilenstein - auch eine englische Übersetzung in Vorbereitung.


Bedürfnis nach Abschottung



Fünf Autoren, fünf Ausrichtungen. Aber wie steht es nun mit dem literarischen Image der Fantastik? "In keinem anderen Land gibt es einen so brutalen Schnitt zwischen Trivial- und Hochliteratur", sagt Marrak in der Diskussion nach der Lesung. Andere Länder könnten auf eine kontinuierliche Tradition zurückblicken, während sich die deutsche Fantastik erst langsam wieder aus der Trümmerliteratur der Nachkriegszeit entwickelt habe. Welchen Ruf das Genre zuweilen hat, erlebte Marcus Hammerschmitt, als er einmal gefragt wurde: "Sie sehen doch wie ein intelligenter Mann aus, warum schreiben Sie Science-Fiction?"

Ein ähnliches Abschottungsbedürfnis ließe sich allerdings auch in der Fantastik-Leserschaft beobachten: "Wenn ich Max Frisch erwähne, wird geblockt." Zur weiteren Verwirrung trage zudem ein klassisches Buchhändlerproblem bei: Bei der extremen Bandbreite, die die Fantastik bietet, frage sich mancher von ihnen, in welchem Regal er das Buch unterbringen soll. "Inzwischen wird alles in die Sparte Fantasy hineingeknautscht", sagt Ralf Isau. Selbst die Fernsehserie "Herkules" gehöre plötzlich dazu. Doch in solche Schubladen, darüber sind sich die Autoren einig, ließen sich weder ihre Romane noch die fantastische Literatur insgesamt stecken. "Qualitätsunterschiede zwischen den Genres zu suchen macht keinen Sinn", sagt Andreas Eschbach. "Die ,Literatur-Literatur' beschäftigt sich mit der Sprache, Fantastik zielt dagegen auf die Leser und fordert die Fantasie."

Eine Unterscheidung, die auch Isau als Kern dessen deutet, was seine Literatur kann und will: Gedankenanstoß und Brücke sein zu den Wundern der realen Welt.




Dieser Artikel erschienen am 4. Juli 2003 in der Rubrik KULTUR REGIONAL.
© Copyright by Stuttgarter Zeitung 2003



Fenster schließen