Interview übernommen aus SPACE VIEW 6/2004 · HEEL Verlag · www.space-view.de![]() Foto: Michael Marrak 2003 Christian Lukas im Interview mit Michael Marrak Ich erinnere mich an mehrere "phantastische" Begebenheiten, die mich in meiner Kindheit und frühen Jugend emotional sehr berührt und zweifellos auch geprägt haben. Raumpatrouille Orion und die Originalfolgen der Twilight Zone waren Anfang der siebziger Jahre meine beliebtesten Türspalt-Fernsehserien. Türspalt deshalb, weil meine Eltern damals der Meinung waren, ich sei zu jung für derartiges Fernsehen. Also war ich im Dunkeln immer zur Wohnzimmertür geschlichen und hatte das gruselig-spacige Zeug heimlich durch den Türspalt mitverfolgt. Das Verbotene ist bekanntlich das Reizvollste und suggeriert einem Kind, dass etwas Besonderes an der ganzen Sache sein muss. Fazit: Raumschiffe + Monster = pädagogisch wertvoll. Der wohlig-kalte Schauer, der mir damals über den Rücken lief, sobald die Orion zu Peter Thomas' Musik aus dem riesigen Wasserstrudel startete, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Natürlich war ich damals zu jung für derartige Fernsehserien, was für meinen "phantastischen Knacks" mit verantwortlich gewesen sein dürfte. Ab dem Frühjahr 1972 wurde dann die Star Trek Classic-Serie ausgestrahlt, und ich war ein Fan der ersten Stunde. Damals, mit sechs Jahren, fand ich alles wahnsinnig dramatisch und tricktechnisch umwerfend (selbst die Raumpatrouille ...) Die realen Ereignisse dieser Zeit standen den fiktiven jedoch kaum nach. Da waren vor allem die stundenlangen Liveübertragungen diverser Mondlandungen. Aufgrund meines Alters hatte ich leider erst gegen Ende des Apollo-Programms begriffen, um was es überhaupt ging. Besondere Ereignisse waren auch Bennet, Kohoutek und West, die großen Kometen der 1970er Jahre; vor allem nach dem in Erinnerung gebliebenen "Schnellläufer" aus der Orion-Folge "Planet außer Kurs". Wie auch immer, irgendwann damals bin ich in der Phantastik hängen geblieben. Der Rest ergab sich, denn die Welt war voll von Comics und Büchern. Mal davon abgesehen, dass Lovecraft nie einen Roman geschrieben hat, trifft es diese Feststellung schon auf den Punkt. Das Buch erschien im Original in der "Bibliothek des Schreckens" im Festa-Verlag. Der Herausgeber hätte mir den Kopf abgebissen, falls meine Protagonisten satt auf einen riesengroßen Glibber mit Fangarmen auf arktische Ewoks gestoßen wären. "Imagon" basiert auf meiner 1998 erschienenen Novelle "Der Eistempel". Frank Festa fragte mich damals, ob ich nicht Lust hätte, diese zu einem Roman für die Lovecraft-Reihe auszubauen. Ich hatte mit "Lord Gamma" gerade einen SF-Roman beendet und empfand einen wissenschaftlichen Roman mit Horror-Elementen als willkommene Abwechslung. Der größte Reiz lag für mich allerdings darin, den verstaubten Cthulhu-Mythos ins moderne 21. Jahrhundert zu transferieren. Zwar gibt es Werke namhafter Autoren, die zwischen 1970 und 1990 einige im Cthulhu-Mythos angesiedelte Romane geschrieben haben, doch in diesen versuchen die Verfasser mehr schlecht als recht den altertümlichen Stil Lovecrafts zu kopieren. Andere benutzen zwar eine moderne Sprache, versetzen die Romanhandlung jedoch an den Anfang des 20. Jahrhunderts, um sie "authentischer", sprich mythosgerechter wirken zu lassen. Geschichten von Autoren, die in den 1970-Jahren mit "modernster" oder gar futuristischer Technik aufwarteten, lesen sich heutzutage einfach nur putzig weg. Einen Roman, in dem in zeitgemäßer Sprache und mit modernster Technik an den Lovecraft'schen Schrecken herangegangen wird, gab es bis "Imagon" noch nicht. Allerhöchstens Kurzgeschichten, soviel ich weiß. Insofern war der Roman (zumindest noch im Jahr 2002) einzigartig. Von mir wohlgemerkt, nicht von Lübbe ... ;-) Bei der Originalausgabe machte ich den Fehler zu glauben, dass der Roman sich besser in Festas Lovecraft-Reihe eingliedern ließe, indem ich ein paar Brücken zum Mythos und seinem literarischen Schöpfer schlug. Die Geschichte funktioniert jedoch ohne diese aufgesetzt wirkenden Stellen viel besser. Also habe ich jeden direkten Bezug auf Lovecraft wieder aus der Story entfernt und eine seitenlange, reichlich abstruse Götter-Nomenklatura rigoros gekürzt. Zudem konnte ich Lübbe überreden, weder auf dem Umschlag noch für das Imagon-Merchandising auf Lovecraft und den Cthulhu-Mythos zu verweisen, wie man es ursprünglich vorhatte. Die Zielgruppe soll nicht von vornherein eingeschränkt und das Buch in eine Richtung gelenkt werden, aus der es thematisch womöglich nie wieder rauskommt. Es soll sich als moderner Wissenschafts-Horror-Thriller verkaufen, nicht als x-ter Roman eines Lovecraft-Epigonen. Die Vorbelastung durch seine Zeit in Festas Lovecraft-Reihe ist dennoch enorm … Zugegeben, auf den ersten Blick klingt "Gamma" nach einem ziemlich frauenfeindlichen SF-Roadmovie, einer Mischung aus "Lost Highway" und "50 erste Dates". Frauenfeindlich ist er in gewissem Sinne sogar tatsächlich, denn Stan, der Protagonist, hasst die Klone, die in ihren Scheinwelten leben und keine Erinnerung an die Realität besitzen. Eine besondere Hassliebe besteht daher zu den Klonen seiner Frau, die er als unvollkommene Imitate jenes Menschen ansieht, den er liebt. Der vermeintliche Exekutionsjob, den er dabei ausführt, ist der unangenehme Bestandteil des Vorhabens, einen ganz bestimmten Klon zu finden zu müssen. Allerdings beginnt die Story nicht ständig von vorne, sondern es wird eine ähnliche, oder besser gesagt: verwandte Geschichte erzählt. Stan durchquert jenseits der Zonengrenzen ein Alternativwelt-Fragment nach dem nächsten. Dort trifft er die Klone der immer gleichen Bunkerbewohner, die aber in jeder Zone über andere Erinnerungen verfügen. Es ist eine Variation der Grundidee, mit einem immer neuen Gesellschaftssystem innerhalb der Bunker. Da ich dem Leser ein solches "Täglich grüßt das Murmeltier"-Szenario allerdings nicht über 500 Seiten hinweg zumuten wollte, beschränke ich mich auf zwei durchquerte Zonen, ehe die Protagonisten im letzten Drittel der Handlung die "Straßen-Ebene" verlassen ... Mit "Lord Gamma" wollte ich einen Roman schreiben, der von Tempo beherrscht wird, in dem die Handlung in ständiger Bewegung ist und die Protagonisten kaum zur Ruhe kommen. Und ich mag Road Movies und Verfolgungsjagden, vor allem in der SF, daher herrscht im kommenden Roman wieder ein ähnlich rasantes Tempo - allerdings ist mein Protagonist da meistens zu Fuß unterwegs ... Die Arbeit an einem Roman beginnt mit vielen verstreuten handschriftlichen Notizen auf Zetteln und in Ring- und Notizbüchern. Ab einer bestimmten Menge an Ideen gebe dich dem Projekt einen Arbeitstitel und sammle fortan alle Notizen in einer Schubladenbox. Manchmal habe ich auch nur eine einzige Idee und schreibe ein oder zwei Kapitel ins Blaue hinein, um zu sehen, wohin sich die Geschichte entwickeln könnte, ob sie Romanpotential besitzt oder als Kurzgeschichte besser beraten wäre. Da meine bisherigen Bücher thematisch sehr unterschiedlich waren, kann ich über die Erwartungen meiner Leser allerdings nur mutmaßen. In erster Linie hoffen sie wahrscheinlich auf einen ziemlich verrückten phantastischen Roman mit einem Crossover aus SF, Horror, Wissenschaft und Religion. "Imagon" ist vielen fast schon zu konventionell gestrickt. Bisher werde ich von der breiten Öffentlichkeit allerdings noch nicht auf ein bestimmtes Sujet festgenagelt. Daher kann ich keine speziellen Erwartungen erfüllen, sondern lediglich hoffen, dass das, was ich den Lesern serviere, nicht zu bizarr ist. Um einen nicht ganz freiwilligen Aufenthalt in einem riesigen außerirdischen Artefakt; einer unaufhörlich wachsenden Stadt, deren Bewohner nach einem außer Kontrolle geratenen Experiment jahrtausendelang sich selbst überlassen gewesen waren. Im Gegensatz zu "Imagon" nehmen die Leser also nicht an der Entwicklung eines Prozesses teil, sondern werden - wie schon in "Lord Gamma" - mit dem vollendeten, apokalyptischen Resultat konfrontiert. Man könnte "Morphogenesis" vielleicht als Mischung aus Ian McDonalds "Necroville", Farmers "Flusswelt der Zeit" und einer sehr modernen Version von Dantes "Inferno" beschreiben - falls irgendjemand Wert auf derartige Vergleiche legt. Dieses Interview erschien im November 2004 im Magazin SPACE VIEW (Ausgabe 6 · 2004). © Copyright by SPACE VIEW 2004 Fenster schließen |