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Interview übernommen aus phantastisch! # 19 · Verlag Achim Havemann · www.phantastisch.net Thomas Harbach im Interview mit Michael Marrak Fragen in der Art von "Wie ist alles dazu gekommen?" oder "Woher kriegst du deine Ideen?". Ich kann sie allerdings nicht wirklich schlechtheißen, denn im Grunde sucht fast jeder, der diese Fragen stellt, nur einen geheimnisvollen Wunderquell der Kreativität, hofft auf den schriftstellerischen Stein der Weisen. Falls du allerdings wissen willst, was ich generell nicht mag oder so etwas wie ein Art Marrak-Psychogramm erhoffst, muss ich erst mal nachdenken. Joe Cocker kann ich nicht ausstehen. Und Tina Turner hasse ich wie die Pest. Das gilt übrigens auch für Al Jarreau, Xavier Naidoo, den deutschen Schlager und deutsche Volksmusik im Großen und Ganzen. Menschen, die Tuba spielen, sind mir suspekt. Was sonst noch? Geschminkte Modepüppchen auf Plateauschuhen. Petersilie. Pizza Hawaii. Schreiende Kleinkinder. Heiße Sommertage. Stromausfall. Stechmücken. Wespen. Ameisen. Schokoladenpudding. Geister und Co. Seifenopern. Faschos. Die Freiwillige Selbstkontrolle. Smalltalk. Baustellen direkt vor dem Haus. Soziopathen. Wasserrohrbruch. Cholerische Urschwaben. Ungebetenen Besuch. Pseudo-Okkultisten und Möchtegern-Satanisten. Das Jamba-Spar-Abo und die gesamte Klingelton-Generation. Weltspartag. Feiertage im allgemeinen. Weihnachten! Country-Musik. George W. Bush. Die CSU. Faulfliegen. Haferschleim. Heuchler. Starken Wind mit Pulverschnee. Filme, die Gags im Minutentakt versprechen. Alkoholfreies Bier. Müsli zum Frühstück. Aufgeweichtes Gemüse in der Suppe. Ausweglose Situationen. Miese auf dem Konto. Migräne. Sodbrennen. Katzen, die ihre Mäuse auf meinem Autodach verspeisen. Herausgewürgte Mäusekadaver auf der Windschutzscheibe. Birkenstockschuhe. Homöopathische Ärzte. Trittbrettfahrer. ALF. Na ja, falls das nicht reicht, frage ich gerne noch meine Freundin, die könnte diese Liste endlos fortsetzen … Schlechte Literatur in einer Schnittmenge einzugrenzen, wird nicht gelingen, schon gar nicht mir, dazu bin ich zu unbelesen. Ich habe lediglich Vorlieben und Abneigungen. Und auch genrespezifisch wird sich die Spreu kaum vom Weizen trennen lassen. Heimat- oder Social Beat-Romane können hervorragend geschrieben und unter Erfüllung einiger Qualitätskriterien zweifellos auch gute Literatur sein, sie sind eben nur nicht mein Ding. Diese Frage ist ein zweischneidiges Schwert, denn alles, was ich jetzt sage, kann und wird in Zukunft womöglich gegen mich verwendet werden. Ich sehe als Trennungskriterium jedenfalls mehr das Handwerk als das Genre. Stil, Grammatik, Aufbau, Originalität, das gute Vermitteln von Sachverhalten sowie von Allgemein- und Fachwissen, Plausibilität, Spannung, unvorhergesehene Wendungen, all das macht gute Literatur aus. Als "schlechte" Literatur empfinde ich eher stilistische und grammatikalische Stümpereien. Wie jede Sprache kann auch die deutsche in sehr angenehmer, ästhetische Weise angewendet werden, mit all den Stilmitteln, die erlaubt sind, gute Schriftsprache interessant zu machen und für Lesegenuss zu sorgen. Allerdings erscheinen immer mehr Bücher, in denen zumindest mich das kalte Grausen packt und ich einfach nur wütend werde, weil weder der Autor sein Handwerk (bzw. die deutsche Sprache) beherrscht noch der Verlag in seiner Kontrollfunktion etwas daran geändert hat. Über betriebsblinde Eigenmächtigkeiten im BoD-Verfahren will ich gar nicht reden. Literarische Schreckenskammer wäre noch eine Schönfärbung. Im phantastischen Bereich habe ich Vorbehalte gegenüber der Sword & Sorcery-Fantasy. Da ist mir alles zu einfach gestrickt. Es gibt keine ernsthaften Probleme, der Autor muss sich nie den Kopf zerbrechen. Falls etwas nicht funktioniert, hilft das Schwert. Wirkt das nicht, hilft die Magie, und schwuppdiwupp kann es weiter gehen. Mag sein das es ein Vorurteil ist, aber ich halte diese Art von Literatur für ein Anfängergenre, in dem der Autor bei seiner Arbeit nicht viel denken muss. Man braucht nur eine tolle Landschaft und einen Haufen Bekloppter, die von A (guter Zauberer) nach B (böser Zauberer, optional: Drache) wollen/müssen, und los geht die logikfreie Gaudi. Okay, ist wirklich ein Vorurteil, aber egal. Kritik, die nicht durchwachsen oder gänzlich positiv ist, ist keine Kritik. Schreibt ein Autor X, sein Werk Y hätte beim Internetbuchhändler Z nur positive Kritiken erhalten, hat er diese entweder selbst geschrieben, oder seine Freunde und Fans haben ihm dabei geholfen. Universalgeschmack existiert nicht. Ich selbst weiß von gut einem Dutzend veröffentlichter Kritiken, deren Verfasser nach Erscheinen der Hardcoverausgabe nicht besonders von dem Roman begeistert waren und als Rezensenten oder auch nur als aktive Mitglieder in Internetforen ihre Meinung kundtaten. Dies war ihr gutes Recht - wobei ein offenes, nahezu unkontrollierbares Medium wie das Internet es erlaubt, wirklich alles zu veröffentlichen, selbst wenn es unterhalb der Gürtellinie. Viele Leser, die "Lord Gamma" kannten und einen ebenso rasanten SF-Nachfolgeroman erwartet hatten, waren ein wenig vor den Kopf gestoßen. Ich habe für "Imagon" jedoch mehr positive Leserbriefe erhalten (interessanterweise überwiegend von Leserinnen) als seinerzeit für "Lord Gamma". Es gab zudem eine Reihe von Hardcore-Cthulhu-Freaks und Rollenspieler, die im Roman Unvereinbarkeiten mit ihrem Mythos erkannt hatten und dies fast schon in Oberlehrermanier verkünden mussten, nach dem Motto: Marrak ist ein Ketzer! Leser, die bisher überhaupt nichts mit dem Elder God-Universum zu tun hatten, kapitulierten indes vor der gesamten Mythologie und Götternomenklatura. Selbst bei der überarbeiteten Taschenbuchversion rauchte ihnen noch der Kopf. Aber dennoch: die Anzahl an positiver Resonanz überwog bei weitem die negative, und der Roman verkaufte sich ebenso gut wie "Gamma". Er bewegte sich allerdings fast nur außerhalb der SF-Leserschaft. Es ist für einen Außenstehenden ohne Gesamtüberblick also ein Leichtes, Bemerkungen wie "die Kritik war durchwachsen" zu äußern. Die Kritik an jedem Eschbach-Roman war durchwachsen. Und an jedem von King oder Koonz. Und an jedem von Eco, Brecht oder Grass … Das ich produktiver Kritik durchaus positiv gegenüberstehe, sie sammle und viel davon für spätere Werke mitnehme, erkennt man am deutlichsten daran, dass ich einige Passagen für die Taschenbuchausgabe in "Imagon" gekürzt, überarbeitet und leserlicher gemacht habe. So etwas habe ich nie zuvor getan. Dazu sollte erwähnt werden, dass der Begriff "Kritik" laut Duden keinesfalls Lobeshymne bedeutet, sondern Rüge, Verweis, Rüffel oder Klage. Viele Kritiker verwechseln das, andere nehmen es zu wörtlich. Eine konstruktive Kritik beinhaltet für mich in erster Linie keine persönlich gehegten Aversionen eines Rezensenten gegen den Autor, den Verlag oder das Werks-Genre. Zudem sollte Kritik unbefangen und subjektiv bleiben. Viele Kritiker bringen zu viel Frust, Freund- oder Feindschaft mit ins Spiel, andere basteln sich ihre Rezensionen offenbar nach dem Bauklötzchen-Prinzip zusammen, als hätten sie eine Anleitung und eine Schlagwort-Checkliste über dem Schreibtisch hängen und benutzen beides in der Art von: "Wie koche ich mir ein kritisches Süppchen?" In ihren Besprechungen findet man ständig die selben Formulierungen, als würden sie alte Kritiken recyceln oder hätten ein vorgefertigtes Kritik-Formular, in dem nur noch Autor, Buch, Inhaltsangabe und einige zurechtgelegte Phrasen eingefügt werden müssen. Und vergessen Sie bitte nicht evidente Ausdrücke wie "Klischees", "Stereotypen", "eindimensional" oder "unoriginell" - und zählen Sie mindestens drei literarische Vergleiche auf, die der Autor in seinem Elaborat plagiiert hat … Es kommt auch darauf an, ob man es mit einem Frischling zu tun bekommt, der sich unbedingt profilieren möchte, einem renommierten Kritiker, der niemandem mehr etwas zu beweisen braucht und sich daher gelangweilt im Kreis dreht, oder einem "alten Hasen", dessen beste Zeit längst vorüber ist, der aber durch Hauen und Stechen versucht, immer noch so bissig und spritzig zu sein wie früher. Aber nichtsdestotrotz: Es gibt zum Glück auch sehr viel mustergültige Kritik, und diese sollte man sich - auch wenn sie im ersten Moment weh tut - zu Herzen nehmen. Die Bücher befreundeter Autoren kritisiere ich nicht öffentlich, sondern im engsten Kreis, denn ich will nicht das Publikum auf etwaige Fehler aufmerksam machen, sondern den Autor. Andererseits muss ich gestehen, dass ich mir zwecks Korrektur der eigenen Texte inzwischen ein derart analytisches Lesen antrainiert habe, dass ich nur noch sehr selten Romane unbefangen genießen kann. Zumeist fange ich bereits auf den ersten Seiten an, mich über die Grammatik aufzuregen, Sätze im Kopf umzukonstruieren, falsche Wörter zu ersetzen, Tippfehler zu korrigieren, und so weiter. Viele Schriftsteller sind in dieser Beziehung einfach schlampig, viele Übersetzungen zu nachlässig übersetzt. Dieses "analytische Konsumieren" ist jedoch nicht nur auf uns Autoren begrenzt, wie ich vor kurzem erfahren musste. Ich arbeite derzeit am Storyboard und dem Dialog-Design für ein sehr aufwändiges SF-Computerspiel. Die verantwortlichen Grafiker und Programmierer der Spielefirma erzählten mir, sie würden zwar nahezu jedes neue Computerspiel antesten (und manchmal sogar zu Ende spielen), jedoch nicht, um sich zu amüsieren, sondern vorwiegend um Fehler zu erkennen, die sie bei der eigenen Arbeit vermeiden möchten; sei es grafischer oder dramaturgischer Natur, oder Fehler in der Implementation, also Bugs. Der unbefangene Spaß des Spielens ist ihnen ebenso abhanden gekommen wie unsereins der Spaß am Lesen. Das beantwortet vielleicht die oft gestellte Frage, warum Menschen, die selbst schreiben, kaum noch Unterhaltungsliteratur lesen. Wissen bringt Fluch, schrieb Horaz. Recht hatte er. Eine großartige Chance, aus heutiger Sicht vor allem aber einen neuen Turm zu Babel. Europa ist ein sehr fragiles Gebilde. Erst in den kommenden Jahrzehnten wird sich zeigen, ob das Fundament, das einst aus der EG bestand, nicht auf Sand erbaut wurde. Auf dem Papier existiert zwar der Stabilitätspakt, aber wir leben in einem der beiden großen Länder, die ihn seit Jahren brechen. Die Idee Europa an sich ist zweifellos gut, die Menschen, die sie formen und in vollem Maße nutzen werden, allerdings erst am Heranwachsen. Die jetzige Generation steht dem Konstrukt noch zu skeptisch und zu vorsichtig gegenüber. Europa hört sich prima an, europäischer Autor (sofern man ins europäische Ausland übersetzt wurde) noch besser. Babylonischer Autor trifft es wohl eher. Wir wissen zwar voneinander, können aufgrund der Sprachbarriere aber meist nur lesen, was in die jeweilige Landessprache übersetzt wurde. Zwar schielt der Buchmarkt der Nachbarländer zunehmend über die eigenen, nicht von angloamerikanischen Autoren bewohnten Grenzen, und es ist ein ansteigender Austausch von europäischer Literatur zu verspüren, aber so recht traut sich offenbar noch keiner. Hoffentlich werden zukünftige Generationen von Autoren, Verlegern und Agenten da unbefangener und länderübergreifender arbeiten. Derzeit stottert der Europa-Motor noch ein wenig. Sie hing - bereits mit dem Titel "Die Ausgesetzten" versehen - drei Jahre lang als kleiner Notizzettel an der Pinwand und entstand exklusiv. Ursprünglich sollte jedoch kein einziger Mensch in der Story agieren, sondern einzig KI-Satelliten, die sich im Orbit miteinander unterhalten, sich als Ausgesetzte fühlen und von da oben die totale Kontrolle und Weltherrschaft anstreben. Dann hörte ich einen recht sarkastischen Beitrag im Radio: "Weltraumbestattungen werden immer populärer", schmunzelte der Moderator. Ich schaute mir daraufhin ein paar Internetseiten von größeren deutschen Bestattungsunternehmen an, von denen einige tatsächlich Weltraumbestattungen anboten, bei denen ein symbolischer Teil der Asche ins All geschossen wird. Die restliche Asche des Verstorbenen wird konventionell beigesetzt. Beim sogenannten Earthview Service, der für "Die Ausgesetzten" Pate stand, wird die Asche in der Erdumlaufbahn platziert. Später tritt der Celestits-Bestattungssatellit wieder in die Erdatmosphäre ein und verglüht harmlos wie eine Sternschnuppe als letzter Gruß. Alle Bestattungen umfassen neben dem Abschuss der Aschereste auch eine Kapsel mit aufgedruckter persönlicher Widmung, eine Einladung zum Abschuss und ein persönliches Video vom Abschuss und der Gedenkzeremonie. Gesamtkosten: 11.000 Euro. Es geht einfach zu rasant vonstatten. Man siehe sich ältere Menschen an, die ratlos vor einem Touchpad-Fahrkartenautomaten stehen oder ein Multifunktionshandy nur befremdet zwischen ihren Fingern drehen. Hätte ich heute einen Roman vollendet, der den nahen technologischen Fortschritt skizzieren möchte, würde er aufgrund der langen Vorlaufszeit der Verlage erst in einem bis anderthalb Jahren erscheinen. Bis dahin gibt es drei neue Notebook- und fünf neue Handy-Generationen! Oder ich veröffentliche ihn gleich im Internet, einer Plattform, an die vor zehn Jahren auch kaum einer gedacht hat. Ich hoffe, an diesen Beispielen wird deutlich, wo das Problem liegt. Der menschliche Verstand kann mit dem technologischen Fortschritt kaum noch Schritt halten. Besonders gut karikiert diese Entwicklung Scott Adams in seinem Buch Dilbert Future: Intelligente Kleidung wie Regenjacken mit eingearbeiteten Sensoren und Touchpads sind irgendwann so fortgeschritten, dass man es nicht mehr versteht, sie zu bedienen. Man ist sozusagen zu dumm geworden für die eigenen Klamotten, die man trägt. Wer heute über nahen technologischen Fortschritt eine Story oder einen Roman schreibt, läuft Gefahr, von Zeit und Geschichte eingeholt zu werden. Schreibt man über die ferne Zukunft, entwickelt sich sowieso alles anders. Ein Leser der Zukunft würde darüber ebenso Schmunzeln wie wir heute über die Technik in Geschichten von Hans Dominik, W. D. Rohr oder C. A. Smith. Einfach zu bedienende und problemlos zu handhabende benutzerspezifische Funktionalität. Während meines Grafikstudiums schrieb ich als Deutsch-Abschlussprüfung einen Aufsatz mit dem Titel "Evolution der menschlichen Bequemlichkeitsforschung". Seit Faustkeil, Speer und Rad zielte ein Großteil des menschlichen Strebens darauf hin, das Leben einfacher zu gestalten - bis zur industriellen Revolution. Mit ihr stieg der Bedarf an technischen Dokumentationen und Gebrauchsanweisungen. Dank Massenproduktion konnte in wesentlich kürzerer Zeit eine größere Menge von Produkten hergestellt werden, doch ein Großteil der Konsumenten bestand aus technischen Laien. Mit der Elektrifizierung der Haushalte Mitte des 20. Jahrhunderts nahmen Elektrogeräte den Menschen ihre angestammten Tätigkeiten ab. Für die Funktionsweisen dieser Geräte bestand und besteht auch heute zunehmend Erklärungsbedarf. Einhundert Jahre lang erfand und konstruierte man Maschinen, die zumeist nur eine Aufgabe erfüllen sollten - etwa Kraft produzieren, geradeaus fahren oder Gegenstände anheben. Dann dachte sich irgendjemand: "Warum kann diese Maschine eigentlich nicht dies und das zugleich?" Und da technologischer Fortschritt sich exponentiell entwickelt, fragt sich heute beispielsweise ein Handy-Hersteller: "Warum kann dieses Handy eigentlich nicht dies und das hoch zehn?" Das Dilemma, das sich daraus ergibt, ist unübersehbar: Die fortschrittlichen, benutzerfreundlichen Geräte besitzen - da es sich aufgrund ihrer Microchips fast schon um Kleincomputer handelt - unzählige Knöpfe und Tasten, die auch durch Befehls- und Funktionsdoppelbelegung irgendwie nicht weniger werden. Vielleicht löst sich dieses Problem bald von allein, sobald alles Sprachgesteuert wird und man dem Gerät einfach nur noch sagt, was man will, ohne unter achtzig Tasten die richtige Kombination zu finden. Denn eigentlich ist es paradox, dass mehr Menschen ein Handy zum Fotografieren und Schreiben von SMS-Mitteilungen benutzen anstatt einfach zu telefonieren und zu sagen, was anliegt - wie es einst sein eigentlicher Zweck war. Bei zwei bekannten Discounthändlern konnte man vor der diesjährigen Cebit Computer kaufen, bei denen die Gigabyte zwei Meter zum Rechner herausstanden und die so viele Sonderfeatures besaßen, dass ein Großteil der Käufer achtzig Prozent davon nie im Leben benutzen wird - ganz zu schweigen davon, ob er je alle Features findet und sie, sofern er es schafft, überhaupt versteht. Die vollständige Fusion von Handy, Kamera, TV, I-Pod, Outdoor-Computer und E-Book ist nicht mehr fern. Lems Story "Die Waschmaschinentragödie" parodiert diesen Multifunktionsgeräte-Wahn auf geniale Weise. Aber ist es wirklich positiver technologische Fortschritt, wenn ich - obwohl es in gewisser Weise eine Vereinfachung meiner Arbeit bedeutet - nur zwanzig bis dreißig Prozent des Gesamtpotentials eines derartigen Geräts oder Computerprogramms nutze? Ist der technologische Fortschritt nicht längst über sein eigentliches Ziel hinausgeschossen und suhlt sich einsam im Selbstzweck? Oder ist jeder, der nicht imstande ist, alle Möglichkeiten zu Gänze auszuschöpfen, bereits ein Opfer der Dilbert-Zukunft? Als Lübbe ihn damals ablehnte, traf mich das sehr, denn ich arbeite für ein gedrucktes Resultat, nicht für die Warteschlange. Und auch heute denke ich mit einer gewissen Wehmut über diesen Roman nach - wobei ich nicht glaube, dass ich die Chance verpasst hatte, sondern Lübbe. Die Geschichte ist zwar nicht gestorben, liegt aber im Koma. Ich würde nebenher gerne immer mal wieder ein neues Kapitel schreiben, um den Roman als Sideprojekt fertig zu stellen, doch das selbe gilt für drei weitere Romane, die auf der Festplatte schlummern. Momentan habe ich einfach nicht die Zeit, um an zwei, drei Büchern gleichzeitig zu arbeiten. "Relicon" wird jedenfalls nicht mehr als erstes Kapitel herhalten. Ich habe mittlerweile alle SF-Bezüge aus dem Roman entfernt. Er wird jetzt komplett in den Jahren 1907 und 1908 spielen, und nicht wie ursprünglich geplant, zu zwei Dritteln in der Vergangenheit und einem Drittel in naher Zukunft. Dieser unnötige Zeitspagat war es auch, der Lübbe zurückschrecken ließ. Und der Vergangenheitshandlungsstrang ist zugegebenermaßen auch mein liebstes Kind unter allen noch unvollendeten Romanen. Habe ich mich für ein Buchprojekt entschieden, gilt meine "Liebe" uneingeschränkt ihm. Ich schreibe es mit Herzblut, falls dieser kitschige Ausdruck erlaubt ist. Ich mache eine Pause und überdenke die Sache, falls sich eine Idee aus dem Exposee als schwer ausführbar oder kontraproduktiv erweist. Dann schreibe ich den betreffenden Part um oder lösche ihn ganz. Zweifel an meinen Projekten habe ich nie, denn sonst würde ich sie nicht schreiben. Ich verschwende meine Zeit nicht mit Konzepten und Büchern, die mir keinen Spaß machen. Aufgrund der leidigen Geschichte mit meinem Handgelenk und des damit verbunden, vergleichsweise geringen Outputs kann ich mir so etwas auch gar nicht leisten. Allerdings muss ich Prioritäten setzen, welche Projekte ich vorantreibe und welche ich hinten anstelle, obwohl sie bereits in Arbeit sind. Natürlich schreibe ich wie alle Autoren, die von großen Verlagen publiziert werden, nach Exposee. Die Verleger möchten schließlich wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Während manche Autoren Konzepte abgeben, in denen bereits Dialogparts enthalten sind und auf 50 Seiten alles von Anfang bis Ende durchkonstruiert ist, sind meine Exposees sehr locker gestrickt und ab der Hälfte der Story bis hin zum Plot nur noch grob umrissen. Nicht weil ich zu faul oder unfähig bin, mir eine komplette Geschichte auszudenken, sondern um mir beim Schreiben selbst eine Art Quest zu eröffnen und ausreichend Spielraum für zusätzliche Ideen zu haben. Ich möchte, dass selbst für mich, den Autor, hinter der nächsten Romanecke etwas Unerwartetes lauert, etwas Außergewöhnliches, Faszinierendes geschieht oder eine dramatische Wendung der Ereignisse eintritt. So bewahre ich mir das Abenteuer Schreiben. Ja, jenes, für das die zuvor genannte Story "Relicon" als erstes Kapitel gedacht war. Dazu habe ich bereits alles gesagt, was relevant ist. Was "Morphogenesis" betrifft, wurde dessen Geburt im Grunde sogar beschleunigt, denn es war ursprünglich ein reines Sideprojekt, an dem ich seit Jahren sporadisch arbeitete. Ein Buch, das ich aufgrund seiner drastischen Thematik Lübbe erst hätte anbieten wollen, wenn ich ein beruhigendes Erfolgspolster an halbwegs massenkompatiblen Veröffentlichungen angesammelt und mir erlaubt hätte, etwas derart Schräges, Abgefahrenes in einem großen Publikumsverlag zu veröffentlichen. Und ausgerechnet dieses kranke Ding wollten sie dann, und nicht den "schönen" Roman, zu dem "Relicon" gehört hätte. Sie wollten einen Roman, der gleich auf der ersten Seite mit Dreck, Schmerzen, Leid und Hölle beginnt. Und der fast siebenhundert Seiten lang nichts anderes beschreibt als eine Odyssee infernalischer Alpträume, Schmutz und Qualen. Was soll ich dazu noch sagen? Vielleicht begehe ich mit "Morphogenesis" kommerziellen Selbstmord, vielleicht auch nicht. Frei nach AC/DC: "If you want blood, you've got it!" Lübbe wollte nach "Lord Gamma" und "Imagon" unbedingt ein Buch, das ins SF-Programm des Verlags passt. Das tat der Roman, an dem 2003 schrieb, nicht so eindeutig. Ich erklärte Stefan Bauer, dem verantwortlichen Lektor der SF-Reihe, etwas gänzlich Neues könne ich bis Mitte 2004 nicht abliefern. Das einzige, was ich ihm alternativ anbieten könne, wäre eine stark überarbeitete Neuversion meines Romanerstlings "Die Stadt der Klage",die etwa zur Hälfte fertig sei. Stark überarbeitete Neuversion bedeutet, dass der Roman, was Motiv, Konzept und Handlungsbogen betrifft, eine völlig neue Geschichte beinhaltet - oder besser gesagt: wieder zu dem wurde, was er einst werden sollte. Ursprünglich sollte "Die Stadt der Klage"1997 und 1998 als Zweiteiler erscheinen. Dies scheiterte am Budget der Edition Mono, so dass ich für die damalige Veröffentlichung die eigentlich weitaus längere Geschichte zu einem Einzelband zusammenstreichen musste. Hinzu kam, dass die damaligen Herausgeber vorzugsweise einen Roman im Stil von William S. Burroughs' "Naked Lunch" gesehen hätten, gefüllt mit wuchtigen Bildorgien, wodurch das Endprodukt schließlich wie ein Episodenroman daherkam, sehr befremdliche Liebesszenen enthielt, diverse Kapitel an der falschen Stelle zu stehen schienen und das Ende mehr als abstrus wurde. Um einige der damals gestrichenen Kapitel des zweiten Teils nicht gänzlich verloren zu geben, erarbeitete ich aus ihnen die Novelle "Bruder Oz" und vermengte sie mit ideologischen Ansätzen aus George Orwells "1984". All das erklärte ich also Stefan Bauer, und auch, dass besagte Neuversion doppelt so umfangreich sein würde wie das Original von 1997. Er las die ersten vier Romankapitel und sagte zu meiner Überraschung: "Machen wir!" Ich selbst wollte nach "Imagon", dessen Handlung bereits auf meiner Novelle "Der Eistempel" beruht, keinesfalls schon wieder altes Essen aufwärmen. Aus diesem Grund entstanden neben den umfangreichen inhaltlichen Änderungen der alten Fassung über 250 Manuskriptseiten an neuem Material. "Morphogenesis" beinhaltet erstmals die vollständige Geschichte um Hippolyt Krispin und besitzt - selbst wenn man es anhand der Thematik nicht vermuten mag - einen weitaus intensiveren SF-Hintergrund als das Original. Das funktioniert nicht, denn "Morphogenesis" ist der Schmetterling, der aus der Larve namens "Die Stadt der Klage" geschlüpft ist. Was ich gerne aus der Welt verschwinden lassen würde, wäre die Gesamtauflage von "Die Stadt der Klage". Sie beinhaltet alle Fehler, Anfängerschwächen und infantilen Ergüsse, die ein Autor in seinem Debütroman mangels Lektorat nur machen kann. Schon allein aus diesem Grund habe ich 1999 damit begonnen, den Roman zu überarbeiten. Er beinhaltete zu viele liebgewonnene Ideen, Protagonisten und Schauplätze - und war so grottenschlecht geschrieben und zusammengestückelt, dass es weh tat. Zudem ließ er viel zu viele Fragen offen. Es gibt den berechtigten Vorwurf, dass Autoren, was ihre Ideen betrifft, nicht loslassen können. Zugegeben, im Falle von "Stadt der Klage" trifft das voll und ganz zu. Ich liebe dieses Inferno. Als Alexander Fleming das Penicillin entdeckte, konnte er beobachten, wie winzige Pilzsporen auf einem Boden mit Nährlösung, der für Bakterienkulturen angelegt war, langsam zu millimetergroßen runden Pilzkolonien heranwuchsen, größer und größer wurden und sich irgendwann zu einem alles bedeckenden Pilzgeflecht vereinten. Es gibt, was universelle Vorgänge angeht, keinen großen Unterschied zwischen dem Mikrokosmos von Pilzkolonien und dem Makrokosmos unserer Städte. Würde ich jedoch eine Entwicklungsprognose stellen, wäre sie zweifellos von zwei Faktoren beeinflusst: meinen Hoffnungen und meinen Befürchtungen. Beides sind keine ernstzunehmenden Nährböden für eine Zukunftsvoraussage. Ich kann beispielsweise nur raten, welche alternativen Energien wir Ende des Jahrhunderts nutzen werden und welche Schadstoffe dabei entstehen. Vielleicht finden wir Automobile in Zukunft nur noch in Technikmuseen. Ich könnte mir vorstellen, das Städte auch weiterhin sehr paradoxe Systeme bleiben, mit Glanz und Moderne auf der einen Seite, Schmutz und Verfall auf der anderen, durchwuchert von unzähligen Wegverbindungen, auf und in denen alles in ständiger Bewegung ist. Sie werden aus heutiger Sich komplizierter wirken, für Menschen der Zukunft jedoch einfacher und bequemer. Alles wird anonymer werden, die Menschen zunehmend in verkabelten Elfenbeintürmen leben. Tag und Nacht werden in ihnen mehr und mehr an Bedeutung verlieren. Da die Luft schon heute selbst in den vergleichsweise bescheidenen deutschen Großstädten recht belastend ist, möchte ich nicht wissen, welche Luft die Menschen in einhundert Jahren einatmen werden - vor allem wenn sie in Wolkenkratzern wohnen, die zur Hälfte in einer Smogglocke stecken. "Grüne Lungen" werden für die Megastädte der Zukunft überlebenswichtig sein. Vielleicht werden Städte irgendwann als Wohngebiet völlig unnütz sein, da man über Transportmöglichkeiten verfügt, die ein Landleben jenseits der Stadtgrenzen möglich machen - weil man in Nullkommanichts an seinem Arbeitsplatz in der Stadt und wieder zurück ist. Oder jeder lebt und arbeitet nur noch zu Hause, wodurch die Städte eventuell langsam wieder schrumpfen würden … Ungewöhnlicher als "Morphogenesis" geht es kaum - falls man mal von surrealen Situationskomik-Gaga-Theatersücken wie "Am Ende der Beißzeit" oder "Der Weg der Engel" absieht. Für zukünftige Romane gibt es keinen Grund, an Kleinverlage oder gar das BoD zu denken. Bei Kurzgeschichtensammlungen sieht es dagegen ganz anders aus, so etwas lässt sich fast nur noch in der Kleinverlagsszene verwirklichen. Es sei denn, du hast einen (oder mehrere) Bestseller veröffentlicht, die es dir und dem Verlag erlauben, auch mal ein Experiment zu wagen. Andreas Eschbachs "Eine Trillion Euro" war so ein Leckerli des Verlages an den Autor. Andreas würde so etwas heue allerdings auch nicht mehr machen. Die "Eine Trillion Euro"-Jahresabrechnung, die ich kürzlich erhielt, macht schmerzhaft deutlich warum: es rechnet sich einfach nicht. Für einen Kleinverlag wäre die Absatzzahl der Anthologie das achte Weltwunder, jedoch nicht für einen Verlag wie Lübbe (bzw. für ein Buch, auf dem der Name Eschbach steht). Es ist kein Vorurteil, das sich kaum jemand für Kurzgeschichten interessiert und sie daher für große Verlage reine Verlustgeschäfte sind, sondern leider die Wahrheit. Was man bei Anthologien an Arbeit hineinsteckt und was man wieder rausholt, ist nur sehr selten miteinander vereinbar. Unsere Gesellschaft nicht, eher die moderne Generation, die die breite Masse mitzieht und zu einer Einweggesellschaft macht. Es ist fast wie bei einem Dinosaurier, der ewig geradeaus läuft: Während der kleine Kopf auf seinem Schlangenhals weit voraus ist, schleppt sich der riesige Körper schwerfällig nach, ohne das Haupt jemals zu erreichen. Die Kurzgeschichte ist zumindest die Heimat eines nicht gerade sehr großen Leserkreises. Einzelstorys wie in der CT oder neuerdings SPACE VIEW sind derzeit zumutbar, doch Anthologien mit Kurzgeschichten verschiedener Autoren oder Kollektionen mit ausgesuchten Storys eines einzelnen Autors sind für große Publikumsverlage einfach zu unrentabel geworden. Daher decken Magazine wie NOVA oder Phantastisch mit ihrer kleinen Auflage bereits den Interessenkreis ab. Die Leute wollen Romane lesen, es kann kommen wer will und noch so viel Genialität und visionäres Denken in seine Kurzgeschichte stecken. Selbst Storysammlungen von Stephen King verkauften sich zehnmal so schlecht wie seine Romane. Da können tausend Mommers proklamieren: "Die Kurzgeschichte lebt, ein Hoch auf die Kurzgeschichte!" Im Endeffekt sind es trotzdem nur ein paar hundert Leser, die dies betrifft. Falls von "Der Atem Gottes" je 800 oder 900 Exemplare verkauft werden sollten, wäre das für die Herausgeber schon ein Bombenerfolg (Originalzitat Shayol). Von "Eine Trillion Euro" wurden bis Ende 2004 zwar zehnmal so viele Exemplare umgesetzt, doch um die Autorenhonorare und die Druckkosten einzuspielen, müsste die Anthologie sich fast doppelt so gut verkaufen. Ehe das passiert, landet sie wohl leider (wie viele andere) auf dem Wühltisch. Bemerkbar machen weniger, eher neugierig auf das kommende Buch, ähnlich wie ein Musiker mit einer vorab veröffentlichten Singleauskopplung auf sein bald erscheinendes neues Album hinweisen möchte. Da meine Romane nicht im Halbjahrestakt erscheinen, sondern schon mal zwei, drei Jahre zwischen den Veröffentlichungen liegen, halte ich es für eine legitime Methode, den Countdown bis zur Veröffentlichung einzuläuten. Einfluss auf den Roman haben diese Auszüge nicht, da sie zumeist noch vor dem endgültigen Lektorat oder Korrektorat erscheinen und somit eh nur Rohversionen sind. Sie reichen stilistisch längst nicht an das endgültige Werk heran, weisen aber zumindest schon mal die Richtung. Non-SF trifft zu, Non-Phantastik allerdings nicht. Ich bezweifle auch, das ich wirklich einen reinen Mainstreamroman hinbekäme, in dem nicht auch ein wenig Phantastik oder SF zu finden wäre. Dafür ist meine Fantasie (leider, müsste ich fast schon sagen) zu überbordend. Und da ich das Schreiben als Katalysator benutze, um nicht in genau dieser Fantasie unterzugehen, wird es garantiert auch weiterhin nur Phantastik/Horror/SF-Romane aus meiner Feder geben. (Ich bin übrigens mal gespannt, wann man mich nicht mehr einen jungen Autor nennt ... ;-) Der Roman nach "Morphogenesis" wird, wie seit längerem geplant, 2007 bei Lübbe in der Allgemeinen Reihe erscheinen, und für eventuelle SF-Projekte steht mir weiterhin die SF-Reihe offen. Was spricht also dagegen, einfach bei Lübbe zu bleiben? Natürlich könnte ich mir eine Präsenz bei zwei Verlagen vorstellen, oder sogar einen kompletten Wechsel, aber nur, falls alle Stricke reißen sollten oder sich entscheidende Veränderungen in der Verlagsführung ergeben. Bisher bin ich mit dem Verlag jedoch sehr zufrieden. Nicht ganz ernstzunehmende Bemerkung meiner Freundin zu dieser Frage: "Er war sein ganzes Leben lang ein aufstrebender, unkonventioneller Jungautor …" Aber mal ehrlich: Da ich hoffe, noch eine Weile mein Unwesen auf Erden treiben zu dürfen und die menschliche Kultur weiterhin mit komischen Büchern zu infiltrieren, wäre ein Eintrag aus heutiger Sich wohl nur eine Übergangslösung. Und davon halte ich nichts. Vieles kann und wird sich noch ändern. Falls ich mal meine Memoiren herausgebe, dürfen sich Kritiker für Lexika-Einträge gerne daraus bedienen. Nun, es ist nicht wirklich eine Tour, sondern ähnelt mehr einer Publicity-Freischärler-Aktion. Ich sitze zu Hause und versuche mich per Web, Telefon und E-Mail als literarischer Heckenschütze, indem ich gewisse Dinge wie Buchinformationen, Vorabveröffentlichungen, Leserunden oder die Erscheinungstermine von Interviews koordiniere, um zu verhindern, das sie zu früh oder zu spät erscheinen und so mit Konkurrenzveröffentlichungen in Konflikt geraten. Am meisten Spaß macht mir zwischen Fertigstellung und Veröffentlichung eines Buches das sukzessive Neugierigmachen auf selbiges und der Kontakt mit Lesern - ob direkt bei einer Lesung, oder indirekt während Autoren-Chats oder Internet-Leserunden. Das Paradoxe ist, das ich unter relativ großer Publikumsangst leide, wodurch ich das, was mir am Wichtigsten ist und Spaß macht, zugleich auch am meisten fürchte: die Konfrontation mit dem Leser. Selbst vor einem Autoren-Chat, bei dem ich nur zu Hause vor dem Monitor sitze, kriege ich Herzklopfen und schweißnasse Hände. Ich höre lange und intensiv Musik. Meine CD-Sammlung ist weitaus größer als meine Büchersammlung. Bin ich in wirklich ausgeglichener Stimmung, lege ich mich auch mal auf die Couch und lese ein Buch. Oft hole ich mir auch ein paar DVDs aus der Videothek. Meine eigene Sammlung umfasst bisher nur Trick- und Computer-Animationsfilme. Falls mir nach einer etwas meditativeren Form der Entspannung zumute ist, muss ein 3000-Teile-Puzzle daran glauben (mit Vorliebe alte Gemälde von Seeschlachten), oder ich zeichne oder entwerfe Computergrafiken. Manchmal schnappe ich mir auch die Digitalkamera, setze mich ins Auto und fahre irgendwohin für eine Fotosession - in alte Industrieviertel, verlassene Hafenanlagen und dergleichen. Klingt wie eine Art "Fünf Freunde für ein Halleluja". Ich würde wahrscheinlich den Nachthimmel ein wenig interessanter gestalten. Wir dümpeln mit der Erde durch eine ziemlich langweilige Region der Galaxis. Bereits seit Kindertagen wünsche ich mir am Nachthimmel etwas Imposantes, zu dem man aufblicken kann; einen Gasriesen beispielsweise, so wie wahrscheinlich Jupiter den Nachthimmel von Io erfüllt. Oder eine nahe Spiralgalaxie oder einen planetarischen Nebel, der groß und leuchtend am Firmament steht. In John Mantleys Roman werden diese gottgleichen Fähigkeiten besagten fünf Menschen jedoch in Form von geheimnisvollen zerstörerischen Kapseln verliehen, durch die diese Auserwählten bald in die Versuchung geraten, die Welt zu zerstören. Zuviel Gutes bewirken zu wollen kann am Ende den gleichen Effekt haben wie ein unlauteres Ausnutzen derartiger Fähigkeiten. Ein Sprichwort sagt: Wer zu weit links läuft, kommt irgendwann rechts wieder raus. Der menschliche Geist ist zu unstet und zu unberechenbar. Ich kenne niemanden, der sich wirklich gut genug unter Kontrolle hätte, eine gottgleiche Fähigkeit verantwortungsvoll beherrschen zu können - mich mit eingeschlossen. Daher kann und möchte ich diese Frage nicht beantworten. Wobei: Mahatma Gandhi wäre vielleicht eine gute Wahl. Reinkarniert als passives Wiederstandsprogramm, mit der Fähigkeit eines Agent Smith aus Matrix, sich unbegrenzt zu vervielfältigen und mithilfe zahlloser Kopien seiner selbst jeden Konflikt auf Erden durch außerordentliche Sitzstreiks zu blockieren. Oh ja, da fällt mir noch was ein: Hätte ich eine gottgleiche Fähigkeit, würde ich die Gesamtauflage von "Die Stadt der Klage" aus diesem Universum tilgen … Dieses Interview erschien im Juli 2005 in phantastisch! # 19 (Ausgabe 3 · 2005). © Copyright by phantastisch! 2005 Fenster schließen |